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Engelbrief

Beim Lesen des Briefes eines Engels

Anjolie York | Robert Krokowski

Flaschenpost angekommen

Bisher sind sich Anjolie York und Robert Krokowski nicht persönlich begegnet. Sie lebt in der Nähe von Seattle, er in Berlin. Wie kann über solch eine Entfernung hinweg ein gemeinsames Kunstprojekt stattfinden, dessen Ergebnis eine Arbeit ist, die große Nähe bezeugt? Man könnte sagen: Gerade weil zwei Ozeane zwischen ihnen liegen, geraten wir in den Besitz der Flaschenpost-Sendungen, die beide im Laufe mehrerer Jahre einander schickten.

Rote Schrift der Engel


Das Thema “Schrift” treibt Robert Krokowski seit den 1970er Jahren um. Bei der Beschäftigung mit vielen Sprachen entstand die künstlerische Fragestellung: “Und was wäre, wenn zuerst die Schrift entsteht, und ihre Züge erst dann eine Bedeutung erhalten?” Viele seiner Projekte folgen den Spuren, die durch diese Fragestellung sichtbar werden, zum Beispiel: “Was kann in eine Schrift hineingelesen werden, aus der zunächst nichts anderes herausgelesen werden kann, als dass sie offensichtlich eine Botschaft ist, die sich an ihre Empfänger wendet?”

Engelbrief

Seit 2000 entwickelte Robert Krokowski den Schriftzug “Schrift der Engel”, zunächst als Schreibschrift. Die Entwicklung eines Fonts folgte zwei Jahre später. Seitdem haben viele Projekte zu diesem Thema stattgefunden – Fotoserien, Ausstellungen und Performances.

Die Schrift der Engel ist aus einem Set einzelner Schriftzeichen zusammengesetzt und besteht aus Buchstaben, Wörtern, Sätzen. Wie andere Sprachen auch. Aber diese entwickelt sich auf besondere Weise: Die Wörter erhalten ihre Bedeutung erst durch die Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Projektes.

Anjolie York fotografierte und stellte ihre Fotos auf einer Internetplattform aus. Im Jahr 2007 lag ihr Fokus auf Selbstportraits. Selbstportraits, die einen so eigenen Zug hatten, dass Robert Krokowski neugierig wurde. Im Sommer jenes Jahres lud er sie ein, im Rahmen der »Schrift der Engel« an seinem Projekt teilzunehmen. Er schickte ihr fünf Wörter der »Schrift der Engel«, um sie für diese im Laufe der Zusammenarbeit eine Bedeutung finden zu lassen.

Anjolie York

Was dann begann, war eine Reise, die wohl keiner der beiden erwartet hatte: Anjolie York begann mit den Zeichen zu arbeiten, auf ihrem Körper als Selbstbeschreibungen, auf Selbstportraits, im Sand, auf Papier und fotografierte ihre Arbeit.

Quer über den Atlantik entwickelte sich ein bis heute andauernder E-Mail-Briefwechsel, trotz des Zeitunterschiedes – oder vielleicht gerade aufgrund seiner – manchmal mehrmals täglich. Anjolie York nahm die Zeichen der »Schrift der Engel« auf, experimentierte mit ihnen und entwickelte letztendlich ein eigenes Zeichen, das Aufnahme in den Zeichenkörper fand.

Tanz der Buchstaben/Dance of Letters


Engelbrief

Wie kann man miteinander tanzen, wenn man sich nicht begegnet? Buchstaben, Wörter tanzen, die Sprache tanzt, wenn man es ihr nicht versagt. Auch der Austausch via E-Mails kann zum Tanz werden: Das Kommentieren eines Abschnitts wird zum Hineinschreiben, zum Drumherumschreiben, zur Aufforderung und Annahme, zum Führen und Folgen, das »Hin und Her« des Briefwechsels zur Improvisation.

Beim Lesen des Briefs eines Engels begegnen dem Leser Texte und Fotos, die als (Tanz-) Partner gleichberechtigt sind. Die Fotos bebildern nicht den Text, der Text beschreibt nicht die Fotos – vielmehr entspinnt sich zwischen ihnen ein Zwiegespräch, das sehr an die Begegnung zwischen Engeln erinnert, die nicht erst seit Sally Potters “Tangolesson” zum Inbegriff der Begegnung im Tango geworden ist.

Anjolie York | Robert Krokowski.
Beim Lesen des Briefes eines Engels
2014
ISBN 978-3-943852-14-1
7,99

Von dieser Publikation ist im Fraktalwerk auch auch eine englischsprachige Version >>erschienen.